Die leere Schatulle

Je mehr man in die Gesellschaft eindringt, je mehr man verschiedene Gruppen, Meinungen und Denkweisen kennenlernt, desto überzeugter und sicherer wird man in seine eigenen Meinungen. Oder ist es doch das fortschreitende Alter des Menschen, das Ihn vom Grünschnabel zur weisen Eule macht? Schließlich heißt es ja: “Je älter man wird, desto reifer wird man!” Aber ist es das Alter, das den Menschen allein reifer macht oder kann ein 20 jähriger, der viel erlebt, liest und nachdenkt kenntnisreicher sein als ein 60 jähriger?

Besonders in der Migranten Community haben Menschen die Möglichkeit in verschiende Gesprächskreise zu stoßen. Die wenigen Türken, die eine akademische Ausbildung haben oder anstreben haben nicht unbedingt die Möglichkeit Ihre Freundeskreise nach Bildungsstandards zu wählen. Beispielsweise hat ein türkischstämmiger Student kein Problem damit enge Freunde zu haben, die kein Abschluss haben, wohingegen der deutsche Akademiker meistens von anderen Akademikern oder höher gebildeten umgeben ist.

Meines Erachtens ist es ein Segen die Möglichkeit zu haben einen türkischstämmigen 15 Jährigen Jungen ausfragen zu können. Seine Denkweise kennenlernen zu dürfen. Wie er seine Gewalt begründet. Warum er nicht zur Schule geht. Welche Zukunftsvorstellungen er hat. Ja, es ist ein Segen diese Informationen aus erster Hand zu bekommen und nicht durch ein Mitglied der Deutschen Bundesbank.

Es ist ein Segen zu wissen, dass die Basis des Wunsches Onkel Alis seine Tochter gegen ihren Willen unbedingt mit seinem Neffen aus der Türkei zu verheiraten, keine islamische ist.

Es ist schön zu wissen, dass der Türke sich nicht bewusst aus der Gesellschaft absondert und eine Schutzkruste gegen die westliche Welt bildet, sondern “straight outta village” kommt und selbst in einer türkischen Großstadt Probleme hat sich zu integrieren. Seine Eltern waren Analphabeten und Bauern aus dem Tiefen Anatolien. Er hatte keine Eltern, die Ihm bei den Hausaufgaben halfen. Er hatte keine Eltern, die ihn zum Lesen animierten. Er hatte keine Vorbildfiguren. Er hatte nur einen Vater, der nur arbeitete und eine Mutter, die nur türkische Serien schaute und kein bisschen Deutsch konnte.

Er ist Nationalist. Er ist stolz auf ein Land, in dem er sich nicht heimisch fühlt. Er ist stolz auf ein Land, von dessen Geschichte er nichts weiß. Kurz gesagt weiß er nicht worauf er stolz ist. Er ist nur in dem Drang eine eigene Identität aufzubauen.

Die türkische Jugend in Deutschland hätte eine Chance sein können. Eine zweisprachige Gruppe von Menschen als die berühmt berüchtigte Brücke zwischen Orient und Okzident. Eine Gruppe von Menschen mit Identität und Selbstbewusstsein.

Eine Chance den Islam besser zu verstehen.

Stattdessen hat sich eine Gesellschaft der leeren Schatullen gebildet. Ohne Inhalt… Ohne Funktion…

By Diener Veröffentlicht in Alltag